Hallo Ihr Lieben, ich habe heute morgen einen schönen Artikel über Bahnhöfe gelesen. Wie sie früher mit Wünschen und Träumen gefüllt waren. Mit dem Wissen eine kleine Weltreise zu machen, und wie es sich heute gestaltet, mit gehetzten Menschen, welche auf ihr Handy starren, und den Zauber des Ortes nicht mehr wahrnehmen. Das hat mich inspiriert, selbst einen ähnlichen Text zu schreiben. Ich habe mir die Apotheke ausgesucht, denn als ich meine Lehre begann, war es dort doch noch etwas anders…
Vor 16 Jahren trat ich meine Lehre an. Ich wollte schon als sehr junges Mädchen PTA werden. Menschen helfen, und an diesem verschrobenen Ort „Apotheke“ arbeiten. Noch heute mag ich dieses Wort sehr, auch wenn sich der Ort sehr geändert hat. Ich kam in eine alte Lehr-Apotheke. Die Apothekerin war zugleich Religionslehrerin, wie das passt weiss ich immer noch nicht, aber sie war es nun mal. Und sie war streng. In der Apotheke selbst ging es sehr ruhig zu. Ausser in der Winterzeit, da war es immer voll. Trotzdem gab es diesen gewissen Anstand, früher. Die Themen, die dort besprochen wurden, waren privater Natur, die PTA eine Vertraute. Wie konnten uns Zeit für andere Menschen nehmen, und wussten meist guten Rat. Wir waren die kleine Medizinfrau im Wald, wenn man nicht weit zum Medicus reisen wollte. Es wurden Pillen gedreht, Salben gemischt, und Hustensaft vorbereitet. Alles hatte seine Zeit, und um 16 Uhr kam die Kollegin mit einem warmen Becher Tee vorbei. Da wurden die Preise auf den Kärtchen neu beschriftet, und überall diese alte, Ruhe. Keine Hetze, Stress schon, den machte die Chefin. Trotzdem hatte auch sie Respekt vor der Zeit..
Heute ist alles leider anders. Wir müssen uns an Rabattverträge halten, in denen Kapseln en Tabletten gleichgestellt wird, was für uns als Pharmazeuten ein Unding ist. Wir müssen Sondernummern auf die Rezepte drucken und da die Krankenkassen wohl selbst nicht wissen was diese bedeuten, dürfen wir es dann handschriftlich noch mal ausformulieren. Wir verlieren unendlich von unserer Zeit für Bürokratie, die wir dann nicht mehr für den Patienten haben. Dieser ist ja ohnehin nur noch ein Kunde, dem wir möglichst irgendetwas verkaufen sollen, denkt an den Rohertrag.
Und unter Corona?!? Nun, jetzt dürfen nur noch 2 Menschen in unserer Apotheke gleichzeitig sein, nehme ich mir dann doch mal etwas Zeit für den Kunden, denn er braucht sie noch immer. Klopft jemand wie bei einem Goldfischglas an die Scheibe und zeigt, das er keine Zeit hat. Doch auch vor dieser Zeit, kamen die Kunden rein mit den Worten: „Es muss schnell gehen, ich muss meinen Bus bekommen.“ Aber klar, ich gebe ihnen ja auch noch eine gemischte Tüte, nicht wahr? …
Doch es soll hier eine Gegenüberstellung und nichts anderes werden. Ich sehne mich einfach zu meinen Lehrtagen zurück, an dem ich high von dem ganzen Benzin, meinen Tee schlürfte und davon träumte eines Tages eine PTA zu sein. Und meine Rezeptur habe ich noch immer, in die ich mich, zumindest kurzzeitig, zurückziehen kann, und an alte Tage zurückdenke. Als die Pillendreher noch am Werk waren. Als Tee noch selbst abgefüllt und nur in der Apotheke zu kaufen war. Eine Zeit in der wir weiße Kittel trugen und es Respekt für uns gab. In der dem Kunden gewiss war, dass wir eben NICHT NUR Verkäuferinnen sind, sonder gebildete Menschen, die ihr Wissen gern teilten, damit andere ihren Nutzen daraus zogen und gesund wurden. (Gern verweise ich hier noch mal auf meinen Beitrag „Jeder braucht einen Sup, in dem es im Grunde um etwas Ähnliches geht.“)
Gleich mache ich mich auf, und schaue mal welche Sondernummer ich gestern wieder nicht begründet habe. Tja, so ist das nun mal.
Viele Grüße
Eure Jeraph