8/30 Eine geplatzte Verabredung

De Muse kam. Sie klingelte. Dann, während sie wartete, fiel ihr der kleine, gelbe Zettel am Briefkasten auf. Darauf stand: „Sorry, habe noch eine andere Verabredung. Lass uns die Tage doch mal telefonieren.“ Die Muse wendete sich zum Gehen. So war das immer mit den Menschen. Man kündigt sich an, will nur noch einem Dichter bei seinem großen Werk helfen, dann hast du Zeit. Du machst dich auf den Weg, überlegst dir welche Worte du gleich übergeben wirst, welch Welten gleich entstehen werden. Du kannst schon den Fluss der Grammatik in deinen Adern spüren, dein Herz schlägt schneller, von der Inspiration. Und dann DAS!

Langsam stieg leichte Wut in ihr auf. Diese Adresse wird sie nun eine Zeit lang meiden. Sollte der Blog doch leer bleiben, und ihre Challenge scheitern. Ja, dann würde ihr sicherlich Gehör geschenkt werden! Sie war so ungehalten, dass sie kurz mit ihrem zarten Fuß aufstampfen, und ein Gänseblümchen ausreißen wollte. Da besann sie sich eines Besseren.

Einmal tief durchatmen, sagte ihr Mutter Natur in diesen Fällen immer. Geduld mit den Menschen haben. Die hatte leicht reden, sie brauchte keine Verabredungen mit den Menschen. Sie ist immer da, und die Menschen lebten auf ihr. Doch andererseits, zerstörten diese Wesen sie, und trotzdem brachte sie diese Geduld auf. Dann sollte sie das wohl auch schaffen. Also tief durchatmen, Bauch rein, Brust raus und ab zur nächsten Verabredung. Hoffentlich wurde diese wenigstens eingehalten….

Gute Nacht,

Eure Jeraph

Lesenswert?!?

Ich fühle mich gerade sehr unproduktiv.

Kennt ihr das, wenn ihr euren Absatz immer wieder neu beginnt, weil die Worte nicht den Fluss finden? Ich bisher nicht. Jetzt schon. Eine weitere Lektion. Das bringt mich allerdings keinen Schritt weiter. Mein Text klingt noch immer abgehakt. Ich denke gerade, dass es gut ist, dass hier alles digital ist. Wieviele Blätter für einen Brief nun schon verschwendet, besudelt, weggeworfen worden wären? Aber nein, ich brauche nur Backspace drücken, und die krummen Worte sind wie wegezaubert. Verschwunden. Und auch dieser Absatz fühlt sich marode und spröde an. Mir kommt ein altes Haus in den Sinn, die Farbe blättert schon lange ab, und das Holz darunter ist alt und zerfressen. Es steht allein und verlassen da. Vergessen seinen Bewohnen. Die wohnen lange schon in einem modernen Haus, warum auch das alte restaurieren, wenn der Marktpreis gerade so günstig ist?

Geplant ist heute ein ruhiger Sonntag. Und ich möchte eigentlich so gerne etwas lesenswertes schreiben. Doch mein Kopf ist leer. Ich habe noch vor einer Stunde ein paar schöne Themen gehabt, aber ich hatte noch die Wäsche vor mir. Wir haben uns für „später“ verabredet. Wann ist dieses „später“? Jetzt scheinbar noch nicht. Ich sitze allein mit meinem Tablet hier und tippe vor mich hin. Höre die Tastenanschläge und den Ventilator. Dann werde ich wohl noch etwas warten müssen. Wissen denn die Ideen nicht, das der Sonntag nur kurz ist? Dass man sich ranhalten muss, alles zu schaffen wofür man sonst nie Zeit findet? Das man sich diese Zeit genau einplanen muss um die ToDos zu schaffen, um am Montag von den vielen Aktivitäten berichten zu können? Eine Frechheit von den Musen sich zu verspäten! Ich werde ihnen gleich eine verärgerte Nachricht mit einem bösen Smiley schicken! Sie werden mich schon verstehen.

Aber dann fällt mir ein, dass die Muse einen anderen Plan hat. Keinen, der mit Uhren zu messen wäre. Sie kommt, wenn ich mich entspanne. Den Kopf frei halten, gelassen bleiben. Damit werde ich sie anlocken. Dann wird sie mir ihre sanfte Hand auf die Schulter legen und flüstern: „Jetzt.“ Und dann werde ich wieder schreiben. Mit einer ruhigen Hand und einem Lächeln auf den Lippen.

Bis dahin wünsche ich euch einen entspannten Sonntag,

Eure Jeraph